Die Europäische Zentralbank hat 36 Zahlungsdienstleister aus 16 Eurostaaten für die Pilotphase des digitalen Euro ausgewählt – darunter die Deutsche Bank, UniCredit und Revolut. Ab der zweiten Jahreshälfte 2027 wird zwölf Monate lang unter realen Bedingungen getestet, eine Erstausgabe peilt die EZB frühestens für 2029 an. Aus mehr als 50 Bewerbungen wurde ein Feld zusammengestellt, das von klassischen Großbanken über Fintechs bis zu Payment-Plattformen wie Stripe und Adyen reicht. Während die USA ihrer Notenbank per Gesetz bis 2030 jede eigene Digitalwährung untersagt haben, beschleunigt Europa also – und stellt damit gerade Regional- und Genossenschaftsbanken vor die Frage, was von ihrem Einlagen- und Zahlungsverkehrsgeschäft übrig bleibt, wenn Zentralbankgeld direkt aufs Smartphone wandert.

Der digitale Euro war lange ein Projekt aus Konsultationspapieren und Absichtserklärungen. Seit dem 14. Juli hat er ein Gesicht: Die EZB hat ihre Pilotgruppe benannt, den Zeitplan konkretisiert und die Entwicklungsphase eingeläutet. Wer im Vorstand einer Regionalbank sitzt, sollte diese Meldung nicht als Frankfurter Fingerübung ablegen. Sie betrifft den Kern des eigenen Geschäftsmodells.

Wer testet – und wer fehlt

Die 36 ausgewählten Institute decken die Bandbreite des europäischen Zahlungsmarkts ab: Großbanken wie Deutsche Bank und UniCredit, Neobanken wie Revolut, dazu Payment-Spezialisten wie Stripe, Adyen, SumUp und Worldline. Getestet wird zunächst im Kleinen: Mitarbeiter der EZB und der nationalen Notenbanken bezahlen mit einer Beta-Version – in behördeneigenen Kantinen, bei angebundenen Händlern und in ausgewählten Online-Shops, online wie offline.

Bemerkenswert ist, wer auf der Liste nicht auftaucht: Die genossenschaftliche Finanz-Gruppe und die Sparkassen sind in der Pilotgruppe nicht prominent vertreten. Die Erfahrungswerte aus zwölf Monaten Realbetrieb – Schnittstellen, Kundenverhalten, Prozesskosten – sammeln damit andere. Das ist kein Beinbruch, aber ein Informationsvorsprung, den man nüchtern einpreisen sollte.

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Das Einlagen-Dilemma trifft die Fläche zuerst

Die strukturelle Sollbruchstelle des Projekts ist bekannt: Wandern Einlagen von Geschäftsbanken in digitale Zentralbank-Wallets, verlieren die Institute ihre günstigste Refinanzierungsquelle. Für eine Großbank mit Kapitalmarktzugang ist das ärgerlich. Für eine Genossenschaftsbank, deren Kreditgeschäft vor Ort auf Kundeneinlagen ruht, ist es existenziell. Die geplante Haltegrenze von rund 3.000 Euro pro Bürger soll genau das abfedern – sie ist allerdings politisch verhandelbar und noch nirgends festgeschrieben.

Souveränität ja – aber zu welchem Preis?

Man muss der EZB zugestehen: Das strategische Argument trägt. Der europäische Kartenmarkt hängt an Visa und Mastercard, und Dollar-Stablecoins wie USDT und USDC dominieren einen Markt von rund 300 Milliarden Dollar nahezu vollständig. Eine öffentliche europäische Zahlungsinfrastruktur ist aus dieser Perspektive geldpolitische Notwehr – ein Gedanke, der genossenschaftlichem Selbstverständnis eigentlich nahesteht. Die Gegenrechnung fällt jedoch ernüchternd aus:

Die EZB kalkuliert rund 1,3 Milliarden Euro Entwicklungskosten plus etwa 320 Millionen Euro laufend pro Jahr – PwC schätzt allein die Implementierungskosten der Banken auf 18 bis 30 Milliarden Euro. Die Teilnahme am Pilot wird nicht vergütet; die Branche trägt die Vorleistung selbst. Mit Wero existiert bereits eine private europäische Bezahllösung, an der die deutsche Kreditwirtschaft beteiligt ist – der digitale Euro tritt gegen ein Projekt an, das die Institute mitfinanzieren. Ob der Staat hier eine Lücke füllt oder private Innovation verdrängt, ist die eigentliche Streitfrage der kommenden zwei Jahre.

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Hybridbanker – der Ausblick

Beschlossen ist noch nichts. Die EU-Verordnung wird derzeit verhandelt, das Europäische Parlament hat den Weg mit 416 zu 169 Stimmen erst Anfang Juli freigemacht, und der EZB-Rat entscheidet über die Ausgabe erst nach Abschluss der Gesetzgebung. Realistisch bleibt 2029 … mit erheblicher Unschärfe.

Für Entscheider in Regional- und Genossenschaftsbanken heißt das: Der digitale Euro ist weder unmittelbare Bedrohung noch ferne Theorie, sondern ein Regulierungsprojekt in der heißen Phase. Wer jetzt die eigenen Verbände in die Pflicht nimmt, die Haltegrenze politisch begleitet und die Schnittstellenfrage im eigenen Kernbanksystem klärt, verhandelt 2028 aus einer Position der Vorbereitung. Wer wartet, bekommt die Bedingungen von denen diktiert, die im Pilot sitzen.

Quellen

CoinDesk: ECB Picks Firms Including Deutsche Bank, Revolut for Digital Euro Pilot
Euronews: EZB wählt 36 Zahlungsdienstleister für Pilot zum digitalen Euro aus
Trending Topics: Stripe, Revolut und SumUp beim Testlauf des digitalen Euro mit dabei
Europäische Zentralbank: Pressemitteilung zum Digital-Euro-Pilotprojekt, 14. Juli 2026