Heute beäugen wir mal drei viel versprechende Berliner Fintechs. Payrails. Mondu. Und Finmid. Diese vergleichsweise sehr jungen Unternehmen haben in den letzten vier Jahren still und systematisch das gebaut, was Regionalbanken jahrzehntelang als ihr Kerngeschäft verstanden haben: Zahlungsabwicklung, Unternehmensfinanzierung und Liquiditätssteuerung für den Mittelstand. Sie besitzen keine Banklizenzen im klassischen Sinne. Sie wollen keine Einlagen. Und sie werben nicht um Privatkunden. Was sie wollen, sind die operativen Momente, in denen Geld fließt. Und sie bauen die Infrastruktur, die genau diese Momente organisiert. Wir schnuppern mal dran …

Drei Startups, die sich zentral um die Perspektiven und Geschäftsmodelle klassischer Banken kümmern. Klingt zunächst nach einer Bedrohung. Und ja, wer als ’normaler Banker‘ gezielt wegschaut, wird den Bedeutungsverlust spüren. Als Hybridbanker schauen wir etwas anders und neutraler drauf. Jene Startups sind keine Feinde des klassischen Bankings, sondern Spezialisten, die Lücken füllen, die Regionalbanken selbst lange offen gelassen haben. Eben deshalb sind diese als Kooperationspartner jetzt außerordentlich interessant. J.P. Morgan hat das beispielsweise bereits verstanden und handelt entsprechend. Die Frage ist, wer als nächstes am Tisch sitzt.

Die Redaktion Hybridbanker hat die drei auffälligsten ‚Stillen Übernehmer‘ unter die Lupe genommen mit klarem Ziel: Gefahr benennen, wo sie besteht. Aber vor allem zeigen, wo die Chancen liegen.

Es gibt eine Kategorie von Unternehmen, über die in der Regionalbank-Welt zu selten gesprochen wird. Nicht N26, nicht Trade Republic, nicht die großen Neobanks, die schon längst im Scheinwerferlicht stehen. Sondern eine jüngere, konzentriertere Generation. Es sind Startups, die sich nicht als Banken positionieren, keine klassischen Bank-Lizenzen brauchen und die keinen einzigen Privatkunden haben wollen. Und die trotzdem gerade dabei sind, zentrale Teile der Wertschöpfungskette im Firmenkundengeschäft neu zu definieren. Sind das faktisch die ‚Stillen Übernehmer‘? Gegründet zwischen 2021 und 2022, finanziert von Andreessen Horowitz, General Catalyst und J.P. Morgan. Und bekannt geworden mit einem Wachstumstempo, das in der traditionellen Bankenwelt keine Entsprechung hat. Sie operieren im Hintergrund und werden trotzdem zur neuen Infrastruktur des B2B-Zahlungsverkehrs.

Was diese Unternehmen von früheren Fintech-Wellen unterscheidet, ist ihre strategische Klarheit. Sie streiten nicht mit Banken um Marktanteile im klassischen Sinne. Sie bauen keine App, die das Girokonto ersetzen soll. Sie bauen modulare, API-fähige, skalierbare Infrastruktur. Und zwar genau dort, wo die Bankbeziehung zum Firmenkunden ihren operativen Kern hat: inmitten der Kontexte Zahlungsfluss, Kreditzugang oder der Liquiditätssteuerung.

Regionalbanken und die Stillen Übernehmer?

Regionalbanken und deren Zukunft

Die Chance nach wie vor: Dieselbe Infrastruktur, die im Worst Case zwischen Bank und Firmenkunden tritt, kann im besten Fall die Regionalbank zum attraktivsten Finanzierungspartner des Mittelstands machen. Und zwar dann, wenn sie frühzeitig kooperiert, statt abzuwarten. Was J.P. Morgan im Großen bereits tut, ist im Kleinen für jede gut aufgestellte Volksbank oder Sparkasse denkbar. Die Frage ist nur, ob man die Bewegung kennt, bevor man reagieren muss.

Payrails — Das Payment-Betriebssystem. Und warum Regionalbanken darin vorkommen sollten.

Wer die Zahlungsinfrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Sichtbarkeit. Payrails baut diese Infrastruktur. Marken wie Puma, Vinted und Flix nutzen sie bereits. Die Frage für Regionalbanken lautet: als welche Schnittstelle oder Baustein?

Payrails wurde 2021 in Berlin von Orkhan Abdullayev und Emre Talay gegründet. Beide waren ehemals Führungskräfte bei Delivery Hero. Und beide sind mit dem Wissen ausgestattet, wie globale Zahlungsoperationen im großen Maßstab aussehen müssen. Die Idee ist präzise: Ein Unternehmen, das in mehreren Märkten aktiv ist, braucht nicht fünf verschiedene Payment Service Provider, drei Reconciliation-Systeme und ein internes Team, das das alles zusammenhält. Vielmehr wird eine einzige, modulare Plattform benötigt, die sich über alle diese Systeme legt und sie orchestriert.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigen die Kundenlisten. Puma, Vinted, Flix, InDrive, Just Eat Takeaway – Unternehmen, die täglich Millionen von Transaktionen in dutzenden Währungen abwickeln. Payrails verarbeitet für sie Payment Orchestration, Tokenisierung, automatisierte Abstimmung und Chargebacks – aus einer Hand, über eine API, mit über 100 Integrationen zu Anbietern wie Stripe, Adyen, SAP und Salesforce. Im Juni 2025 schloss das Startup eine Series A über 32 Millionen Dollar ab, angeführt von HV Capital, mit Beteiligung von Andreessen Horowitz, General Catalyst und EQT Ventures. Gesamtfunding: über 52 Millionen Dollar. 2024 allein expandierte Payrails in 30 neue Märkte.

Für Regionalbanken klingt das zunächst nach einem weit entfernten Enterprise-Thema. Aber die Logik, die hinter Payrails steckt, setzt sich auch im Mittelstand durch – sobald Unternehmen beginnen, ihre Zahlungsprozesse zu konsolidieren und zu automatisieren. Und da liegt die Kooperationschance: Regionalbanken, die als Kontoführungsbank und Liquiditätspartner frühzeitig in solche Orchestrierungsplattformen eingebunden sind, bleiben sichtbar. Wer dagegen abwartet, bis die Plattformschicht fertig ist, findet sich als austauschbarer Clearing-Dienstleister wieder – einer unter vielen. Die Frage ist nicht ob, sondern mit welcher Rolle.

Neue Perspektiven für klassische Banken

Achtung, Bank-Entscheider – Stille Übernehmer voraus?

Mondu und B2B-BNPL. Unternehmen go Klarna?!

Was früher Betriebsmittelkredit und Lieferantenkonditionen hieß, heißt heute Checkout-Option. Mondu hat das Modell gebaut – J.P. Morgan hat es mit 100 Millionen Dollar abgesegnet. Regionalbanken können die nächsten Partner sein.

Malte Huffmann, Philipp Povel und Gil Danziger gründeten Mondu 2021 in Berlin mit einer These, die so naheliegend ist, dass man sich fragt, warum es so lange gedauert hat. Wenn B2C und Buy Now, Pay Later funktionieren, warum dann nicht B2B? Warum soll ein Geschäftskunde beim Online-Einkauf nicht genauso flexibel zahlen können wie ein Endverbraucher bei Klarna?

Die Antwort ist handfest. Rechnungskauf, SEPA-Lastschrift, Ratenzahlung über 3, 6 oder 12 Monate als B2B-Geschäftsmodell. Alles direkt im B2B-Checkout eingebettet, vollständig integrierbar über API, Shopify oder Stripe. Ausfallrisiko und sogar Mahnwesen übernimmt Mondu. Der Händler bekommt sein Geld sofort, der Käufer zahlt später. Deutschland ist der größte ‚B2B-BNPL‘-Markt in Kontinentaleuropa. Mit einer wirklich knackigen, prognostizierten Wachstumsrate von über 15 Prozent jährlich bis 2030.

Was das Modell auf eine neue Ebene hebt: Im Dezember 2025 stellte J.P. Morgan Payments Mondu eine Kreditfazilität über 100 Millionen Dollar zur Verfügung und nahm das Startup gleichzeitig in sein Partner Network auf. J.P. Morgan empfiehlt Mondu seither aktiv an seine Corporate-Kunden in Europa – eine Investmentbank übernimmt die Vertriebsfunktion für ein Fintech, weil sie erkannt hat, dass das Produkt echten Mehrwert für ihre eigenen Firmenkunden schafft.

Genau dieses Modell ist auf Regionalbank-Ebene denkbar – und näher, als es scheint. Viele Volksbanken und Sparkassen haben Firmenkunden im produzierenden Gewerbe, im Handel, in der Dienstleistung, die heute noch auf Papierrechnung und 30-Tage-Zahlungsziel setzen. Eine Kooperation mit einem B2B-BNPL-Anbieter wie Mondu könnte diesen Kunden ein digitales Zahlungserlebnis bieten, das die Bank als modernen Finanzpartner positioniert – ohne dass sie das Ausfallrisiko selbst tragen muss. Das ist Produkterweiterung statt Verdrängungswettbewerb.

Finmid — Embedded Lending als Einladung. Die Frage ist, wer das Kapital stellt.

Finmid steckt in den Plattformen, die der Mittelstand täglich nutzt und vergibt von dort aus Kredite. Das Kapital dahinter muss nicht aus Berlin kommen.

Wer Finmid nicht kennt, ist in guter Gesellschaft. Das Berliner Startup, 2021 gegründet, hat keine Consumer-App, keine öffentliche Warteliste, kein virales Produkt. Was es hat, ist eine Embedded-Lending-Infrastruktur, die Marktplätzen und B2B-Softwareplattformen ermöglicht, ihren Nutzern direkt innerhalb der Plattform Finanzierungslösungen anzubieten – zugeschnitten, in Echtzeit, auf Basis von Plattformdaten. Laut dem Sifted 250 Ranking 2025 erzielte Finmid eine Umsatz-CAGR von 582 Prozent über zwei Jahre. Die Infrastruktur ist heute in 30 europäischen Märkten aktiv und erreicht über Partnerplattformen mehr als 32 Millionen KMU.

Das Prinzip ist für das klassische Kreditgeschäft strukturell herausfordernd: Finanzierungsentscheidungen fallen nicht mehr auf Basis von Jahresabschlüssen und persönlichen Gesprächen mit dem Firmenkundenbetreuer. Sie fallen im Checkout-Moment, auf einer Plattform, die der Unternehmer ohnehin täglich nutzt – und auf Basis von Echtzeit-Betriebsdaten. Wer diese Daten hat, trifft schnellere und in vielen Fällen treffsicherere Kreditentscheidungen als jede klassische Kreditprüfung.

Aber hier liegt auch die eigentliche Kooperationslogik: Finmid ist Technologie- und Infrastrukturanbieter, kein Kreditinstitut mit unlimitierter Bilanz. Das Kapital, das hinter Embedded-Lending-Produkten steckt, muss irgendwo herkommen. Regionalbanken, die sich frühzeitig als Refinanzierungspartner oder White-Label-Kreditgeber in solche Plattformstrukturen einbringen, gewinnen Zugang zu Kundensegmenten und Datenlagen, die sie über den klassischen Vertriebsweg nie erreicht hätten. Das ist keine Kapitulation vor dem Fintech. Wir nennen das ‚Banking neu gedacht‘.

Stille Übernehmer? Mitnichten. Nicht aussitzen, sondern gestalten

Payrails, Mondu und Finmid zeigen gemeinsam, wohin die Reise geht – und sie zeigen es mit Investorengeldern in dreistelliger Millionenhöhe im Rücken. Das Firmenkundengeschäft verändert sich strukturell: weg von der bilateralen Bankbeziehung, hin zu plattformgebundenen, datengestützten, in Echtzeit entschiedenen Finanzprozessen.

Wir sehen ergo keinen Angriff auf das Bankensystem. Es ist vielmehr eine Einladung zur Neupositionierung. Regionalbanken, die diese Startups als Kooperationspartner verstehen – als Technologieschicht, als Vertriebskanal, als Produkterweiterung – können in der neuen Infrastruktur des Mittelstandsbankings eine zentrale Rolle spielen. Regionalbanken, die abwarten, werden feststellen, dass andere diese Rolle bereits besetzt haben.