Google hat Ende 2025 mit Dynamic View eine Generative UI vorgestellt, die Suchanfragen in interaktive Mini-Websites verwandelt. Mit Gemini 3 generiert die KI individuelle Interfaces in Echtzeit, inklusive Tabellen, Rechnern oder Filtern. Die Ergebnisse sind flüchtig, personalisiert und verändern die Darstellung von Inhalten, mit weitreichenden Folgen für UX, SEO und Markenpräsenz.

Stellen Sie sich vor, Sie geben eine Suchanfrage bei Google ein und erhalten keine Liste mit Links, sondern eine komplett interaktive Mini-Website, die genau auf Ihre Frage zugeschnitten ist. Klingt nach Science-Fiction? Ist es aber nicht. Mit Dynamic View hat Google Ende 2025 eine Funktion vorgestellt, die das Web, wie wir es kennen, grundlegend verändern könnte.

Mit der Einführung von Dynamic View und Visual Layout in Gemini 3 geht Google einen radikalen Schritt weiter. Die Suchmaschine wird zum Webdesigner: Sie erstellt nicht nur Antworten, sondern baut gleich die passende Benutzeroberfläche dazu auf.

Was ist Dynamic View?

Dynamic View ist Teil von Googles „Generative UI“-Initiative und nutzt die fortschrittlichen Coding-Fähigkeiten von Gemini 3, um auf jede Anfrage hin eine maßgeschneiderte Benutzeroberfläche zu erstellen. Statt nur Text auszugeben, generiert die KI kompletten Code und baut damit interaktive Mini-Anwendungen.

Google hat auf der Projektseite generativeui.github.io konkrete Demonstrationen veröffentlicht:

  • Anfrage: „Vergleiche 5 Computermäuse für Linkshänder“
    Statt Links zu verschiedenen Webshops bekommen Sie eine fertige Vergleichstabelle mit Specs, Preisen, Bewertungen und Filtermöglichkeiten. Alles in einer einheitlichen, übersichtlichen Darstellung – inklusive direkter Kauflinks.
  • Anfrage: „Berechne Kosten und Ertrag einer Solaranlage“
    Das Ergebnis: Ein interaktiver Rechner mit Schiebereglern für alle relevanten Parameter (Investitionssumme, Dachfläche, Ausrichtung). Die Berechnung läuft in Echtzeit, die erwartete Stromproduktion wird visualisiert, verschiedene Modultypen werden verglichen. Alles angepasst an den Standort des Nutzers.

Der entscheidende Punkt: Diese Interfaces werden für jede Anfrage neu erstellt und verschwinden nach der Nutzung wieder. Man spricht von „ephemeren“ (flüchtigen) Interfaces – Einweg-Websites sozusagen.

Screenshot eines von Dynamic View generierten Wahrscheinlichkeitsrechners mit interaktiven Elementen, Screenshot von generativeui.github.io

Mehr als nur eine Weiterentwicklung

Die Konsequenzen dieser Entwicklung gehen weit über eine verbesserte Sucherfahrung hinaus. Google entscheidet damit nicht nur darüber, welche Inhalte wir sehen, sondern auch in welcher Form wir sie präsentiert bekommen.
Bei einem Marktanteil von rund 90 Prozent weltweit ist die Google-Suche der zentrale Zugang zum Web. Was passiert, wenn dieser Zugang nicht mehr nur Inhalte filtert, sondern gleich das komplette Interface dazu liefert?

Visual Layout vs. Dynamic View

Google hat zwei verschiedene Ansätze entwickelt:

Visual Layout präsentiert Informationen in einem ansprechenden Magazin-Stil mit Bildern, Videos und interaktiven Modulen. Es nutzt vorhandene Medien aus vertrauenswürdigen Webquellen und organisiert diese in einer visuell ansprechenden Darstellung mit Tabs, Slidern und Filtern. Vorhandene Inhalte werden neu arrangiert – ähnlich wie ein Redakteur, der Material zusammenstellt.

Dynamic View geht deutlich weiter: Es nutzt die Coding-Fähigkeiten von Gemini 3, um vollständig neue, interaktive Interfaces zu erstellen. Die KI plant, schreibt und testet Code, bevor sie das fertige Interface ausliefert. Dabei können Bilder generiert, Web-Suchen durchgeführt oder externe Inhalte eingebunden werden – alles automatisch und in Echtzeit.

Vergleich Visual Layout vs. Dynamic View, generiert von claude.ai

Die Technik dahinter

Die Generative UI von Google basiert auf drei Kernkomponenten:

  1. Tool-Zugriff: Das System hat Zugang zu verschiedenen Werkzeugen wie Bildgenerierung und Web-Suche.
  2. Systeminstruktionen: Das Modell erhält detaillierte Anweisungen zu Zielen, Planung, Beispielen und technischen Spezifikationen.
  3. Nachbearbeitung: Die Outputs werden überprüft, um Fehler zu identifizieren und zu korrigieren, bevor sie an die Nutzer*innen ausgeliefert werden.

Das System kann außerdem so konfiguriert werden, dass alle Ergebnisse in einem einheitlichen Stil generiert werden – etwa im Corporate Design eines bestimmten Unternehmens.

Verfügbarkeit und Zugang

Aktuell ist Dynamic View noch ein Experiment, das schrittweise ausgerollt wird. Gestartet in den USA, wird die Funktion sukzessive auf weitere Märkte ausgeweitet. Europa dürfte im Laufe von 2026 folgen, einen offiziellen Zeitplan hat Google bislang nicht kommuniziert.
Vorerst ist Dynamic View primär für Google AI Pro und Ultra-Abonnenten zugänglich; eine breitere Verfügbarkeit für alle Nutzer*innen ist mittelfristig zu erwarten.

Wer jetzt schon einen Blick riskieren möchte, kann auf https://generativeui.github.io/ die Beispiel-Interfaces der Google-Forschungsabteilung erkunden.

Wie reagiert die Branche?

Die Reaktionen auf Dynamic View sind gespalten. Auf der einen Seite sehen viele darin eine konsequente Weiterentwicklung der KI-gestützten Suche bequemer für Nutzer*innen, effizienter in der Informationsvermittlung. Auf der anderen Seite wächst die Sorge bei Unternehmen und Website-Betreiber*innen: Wenn Google die Interfaces für ihre Inhalte selbst baut, verlieren sie zunehmend die Kontrolle darüber, wie ihre Marke und ihre Produkte dargestellt werden.

Erste Agenturen und Berater*innen positionieren sich bereits mit Angeboten rund um GEO (Generative Engine Optimization), um Unternehmen dabei zu helfen, in diesen generierten Interfaces sichtbar zu bleiben. Auch innerhalb der UX- und Design-Community wird intensiv diskutiert, was es bedeutet, wenn Interfaces nicht mehr gestaltet, sondern generiert werden.

Dynamic View ist mehr als eine technische Spielerei. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Art, wie wir mit dem Web interagieren könnten. Die Frage ist nicht mehr nur, welche Information die beste Antwort auf eine Suchanfrage ist, sondern auch, welche Form der Darstellung am besten geeignet ist.

Weitere zu erwartende Teile dieser Serie:

  • Generative UI – Was bedeutet sie für UX und Design? Teil 2 von 4
  • Generative UI – Die neue Ära der Sichtbarkeit, Teil 3 von 4
  • Generative UI – Technische Herausforderungen, Teil 4 von 4

Zur Autorin
Tamara PerskeTamara Perske ist als Online-Marketing-Manager bei rocket-media tätig. Sie ist in dieser Rolle für die zielgruppengerechte Inhaltsarchitektur und -aufbereitung in Portal- und E-Commerce-Projekten verantwortlich und begleitet die praktische Umsetzung im Bereich Suchmaschinenoptimierung. Als Digital Native verfolgt sie aktuelle Trends und Entwicklungen mit großer Begeisterung.

Titelbild-Urheber: mikkiorso